Der 65-Jährige ist die gute Seele des Vereins, und das seit 40 Jahren. Aufzuzählen, welche Posten er im Laufe der vier Jahrzehnte für den Traditionsclub aus dem westlichen Bonner Ortsteil schon inne hatte, kostet ihn einen Augenblick Überlegung: 35 Jahre Mannschaftsbetreuer, Beisitzer, Clubheim-Gastronom, 2. Vorsitzender, Geschäftsführer, Vorsitzender. Wenn man so will, stieg auch er mit dem sportlichen Erfolg der ersten Mannschaft in der Vereinshierarchie stetig auf: Die Fußballer, die am Mittwoch den Kreispokal gewannen, spielen nach einem ständigen Auf und Ab aktuell seit fünf Jahren in der Landesliga, er ist seit zwei Jahren an der Führungsspitze. Doch er betont: „Ich habe hier jeden Job gerne gemacht.“

Sieht man vielleicht vom Trikotwaschen ab, das früher vorzugsweise dem Betreuer aufs Auge gedrückt wurde. Wer mal jede Woche 20 verdreckte Trikotsätze im Koffer nach Hause geschleppt, sie durch die Maschine gejagt, getrocknet und gefaltet hat, weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt. „Als bei uns zu Hause die zweite Waschmaschine ihren Geist aufgegeben hat, hat meine Frau den Alarmknopf gedrückt“, erzählt Müller. Danach wurde die Wäsche-Orgie dann nach genauem Plan auf die ganze Mannschaft verteilt.

Müller stammt aus dem Bonner Norden, aufgewachsen ist er am Lindenhof, einen Steinwurf vom Poststadion entfernt. Hier, in der einst geschichtsträchtigen Schüssel mit der Betonradrennbahn, mittlerweile Wohngebiet, hat er für den Post-SV gekickt, allerdings nur kurz und mit überschaubarem Erfolg. „Nach der D-Jugend war Schluss“, lacht er. Vielleicht war es mangelndes Talent, auf jeden Fall aber die familiäre Situation zu Hause, die Fußball nicht mehr zuließ. Früh musste er im Haushalt helfen, um die kranke Mutter zu entlasten. Das Kümmerer-Gen war schon im Kindesalter entwickelt.

Erst mit Mitte 20 kam er wieder mit dem Ball enger in Berührung. Zwei Cousins aus der in Bonn weit verzweigten Familie spielten beim FV Endenich, er war ständiger Gast bei Spielen und des Öfteren auch beim Training. Und wie das so ist, kommt dann von Vereinsseite irgendwann die Aufforderung: „Wenn du schon mal hier bist, kannst du auch was machen.“ Und so begann als Mannschaftsbetreuer Ende der 70er-Jahre das kleine Pflänzchen, das sich Vereinsliebe nennt, zu wachsen. „Heute“, sagt der Versicherungskaufmann, „kann ich mir ein Leben ohne den FVE gar nicht vorstellen. Der Verein ist meine zweite Familie. Hier habe ich Freundschaften fürs Leben gefunden.“

Der Bläck-Fööss-Klassiker vom „Veedel“, in dem man „zosamme hält, ejal, wat och passeet“, sieht er als passende Hymne an. Zumindest viele Jahre lang. „Wenn einer aus der Mannschaft umzog und Hilfe brauchte, standen acht Mann auf der Matte. Da brauchtest du nicht viel zu sagen“, erinnert sich Müller. „Heute muss man mehrmals darauf hinweisen, ist halt eine andere Generation.“

Warten ist eine Disziplin des Ehrenamtes, die ganz schön nervig sein kann. Zuletzt kam tagelang nur kaltes Wasser aus den Duschen in den Umkleidekabinen. Anrufe bei der Stadt ergaben die unbefriedigende Auskunft, dass Ersatzteile nicht vorrätig seien. Als Oberbürgermeister Ashok Sridharan dann urplötzlich bei einem Jugendspiel samstags auf dem Endenicher Platz stand, wollte Müller den kurzen Dienstweg wählen, um den Missstand anzusprechen. „Dann dachte ich: Lass es sein, er ist ja privat hier.“ Statt zu klagen, machte er ein Erinnerungsfoto mit dem Stadtoberhaupt für die Vereinschronik. Höflichkeit ist für den Vorsitzenden noch eine wichtige Tugend.

Die Müllers sind ein Familienbetrieb. Auch seine Frau Linda ist vom schwarz-gelben FVE-Virus infiziert, sie ist seine rechte Hand in der Clubheim-Gastronomie an Wochenenden. Derzeit muss sie wegen eines Achillessehnerisses pausieren. Doch beim FVE bleibt man nicht allein. Josef Oel und Peter Fechner erklärten sich sofort bereit, mitzuhelfen. Gute zehn Stunden sind sie im Dienste des Vereins samstags und sonntags im Dauereinsatz: Waffeln, Kaffee, Bier, Limo gehen hier über die Ladentheke – und natürlich der Klassiker: der Endenich-Teller. Curry-Wurst, handgeschnitten, wie Müller betont, mit Fritten und Mayo, 3,80 Euro die Portion. Ein Renner. Der Erlös wandert in die Vereinskasse. Von dem, was sich derweil draußen auf dem Platz tut, bekommen die Müllers kaum etwas mit. „Sportlich sind wir beim FVE mit Obmann Gerd Jungheim und dem Sportlichen Leiter Hansi Langen top aufgestellt. Für diese Jobs bin ich völlig ungeeignet“, sagt Müller. „Ich bin eher der Logistiker.“

Und Hobbykoch aus Leidenschaft. Spaßeshalber hatte sich Müller vor Jahren beim TV-Sender Vox für die Serie „Das perfekte Dinner“ beworben – und wurde tatsächlich eingeladen. Sein Gericht – bodenständig und rheinisch: Räucherfisch als Vorspeise, Gulasch mit Petersilienkartoffeln, Gurkensalat auf spezielle Müller-Art, und Omas Kirschpfannkuchen zum Dessert. Gedreht wurde in seiner Wohnung in Endenich. Dass es am Ende der fünfte Platz unter fünf Teilnehmern wurde, juckte ihn nicht. Er hatte trotzdem die ungeteilte Aufmerksamkeit von zwei Millionen Zuschauern – vor allem für seine höchst ungewöhnliche und kreative Tischdekoration.

Als Tischdecke: die vier Meter große Fahne des FV Endenich. Als Tischsets: Plakate aus dem Mittelrhein-Pokalspiel des FVE gegen Leverkusen. Und als Hingucker mitten auf dem Tisch: Der große Kreispokal, den die Endenicher Frauenmannschaft gewonnen hatte. Seine Vereinsliebe ging in dem Fall sogar durch den Magen. Ganz Endenich war begeistert. Im Schützenhäuschen kam das Gericht sogar auf die Speisekarte.

Hans Müller kennt man im Ort. Nicht nur als FVE-Vorsitzenden. Fußball, Karneval, Kegelclub, CDU-Ortsverband – Müller macht’s. Was das Organisieren von Festivitäten angeht, ist er Allrounder. Seine bewegendsten Erlebnisse: Zehn Jahre arrangierte er Spielfeste für krebskranke Kinder in Bonn. „Wenn man sieht, wie die Kinder sich auf diesen Tag freuen, geht einem das Herz auf“, sagt Müller.

Er hat viel gegeben für die Allgemeinheit, für den Stadtteil, in dem er so gerne wohnt, für seinen Verein. Er sagt aber auch, er habe viel bekommen. „Der FV Endenich ist für mich zur Heimat geworden. Er ist Teil meines Lebens. Das, was ich hier mache, erfüllt mich. Und hält mich jung.“